von Boris Udina, W&S
Wenn Beziehungen alle Prioritäten auf den Kopf stellen
Boris Udina, Agenturleiter wahn&sinnig, über falsche Mythen, erkaufte Monetarisierung und echte Mutmomente – wie sich vor allem lokale Publisher strategisch neu aufstellen können, um heute zu profitieren und für morgen optimal gerüstet zu sein.
Es gibt eine Zahl, die – mag sie je nach Erhebung nicht ganz so dramatisch erscheint – für Unbehagen sorgt: Mehr als die Hälfte aller digitalen Nachrichtenleser zahlt für keinen einzigen Journalismus-Dienst – und plant es auch nicht. Laut Reuters Digital News Report 2024, in dem knapp 95.000 Menschen in 47 Ländern befragt wurden, stagniert die Zahlungsbereitschaft für digitale Nachrichten in den meisten Märkten. Noch schlimmer: Gleichzeitig sinkt – wenn auch tendenziell – das Vertrauen in Nachrichten. Vertrauen, davon wird in diesem Magazin oft zu lesen sein. Sind jetzt also Communities die Lösung – und morgen kommt die nächste Marketingwutz, die durchs Dorf getrieben wird? Berechtigte Frage. Die Logik gibt die Antwort. In atomisierten Medienmärkten voller Austauschbarkeit ist Vertrauen logischerweise ein echter Wettbewerbsvorteil und das so wunderbar kanalübergreifend.
Diejenigen, die missionarisch die Macht der Marke predigen und selten dafür Budgets bekommen, weil alles in die Neukundengewinnung fließt, reiben sich begeistert die Hände. Doch selbst wer den Empfehlungen von Markenhütern skeptisch gegenübersteht, muss zugeben: Millionen Menschen, die täglich Content konsumieren, sind Nutzer, keine Mitglieder. Leser, keine Partner. Darin steckt eine (Verkaufs-)Chance, die viele Verlage möglicherweise noch nicht konsequent genug nutzen. Dennoch: Community Building ist kein Allheilmittel, und es wäre unehrlich, es als solches darzustellen. Für manche Verlagssituationen gibt es sinnvollere, vorgelagerte oder ergänzende Strategien – von Personalisierung, Paid Content und Metered Models, Loyalty-Programmen und Kooperationsmarketing. Fakt ist: Community ist die Antwort auf schwindendes Vertrauen und sinkende Loyalität und damit Wert, der Sache etwas näher auf den Grund zu gehen.
WAS COMMUNITY BUILDING WIRKLICH BEDEUTET – UND WAS NICHT
Community Building im Medienkontext meint den systematischen Aufbau einer Gruppe von Menschen, die nicht nur Inhalte konsumieren. Sie identifizieren sich mit einer Medienmarke, stehen untereinander in Beziehung und nehmen aktiv an einem gemeinsamen Rahmen teil. Das Schlüsselwort ist systematisch: Community entsteht nicht zufällig, sie wird gestaltet. Hier beginnt oft das erste große Missverständnis – und es ist teuer.
Mythos 1: Community ist Social Media. Wer Community mit Facebook-Seiten oder Instagram-Followern gleichsetzt, verwechselt Kanal mit Beziehung. Social-Media-Plattformen sind Distributionswege, keine Gemeinschaftsräume. Die Algorithmen entscheiden, wer was sieht. Erkenntnis: Eine echte Community braucht einen Raum, den der Verlag selbst gestaltet und verantwortet.
Mythos 2: Guter Content erzeugt automatisch Community. Das ist der häufigste Irrtum. Qualitätsjournalismus ist die Voraussetzung, nicht das Ergebnis. Menschen lesen gute Artikel und vergessen sie wieder. Sie werden Teil einer Community, weil sie sich gehört, gesehen und zugehörig fühlen – das entsteht durch Dialog, nicht durch Konsum.
Mythos 3: Mehr Follower bedeutet stärkere Community. Eine Zeitung mit 200.000 Instagram- Followern und 500 aktiven Mitgliedern in einem moderierten Leserforum hat weniger Community als eine Lokalzeitung mit 3.000 Menschen in einer gepflegten WhatsApp-Gruppe. Reichweite und Tiefe sind verschiedene Dimensionen. Loyalität entsteht aus der zweiten.
Mythos 4: Community Building ist nur etwas für große Häuser. Das Gegenteil ist richtig. Lokale Verlage haben strukturelle Vorteile, die überregionale Medienhäuser nicht haben: geografische Nähe, persönliche Bekanntheit, emotionale Heimatbindung.
Community ist kein Kanal. Community ist eine Beziehungsqualität – und die muss aktiv gestaltet werden.
Zielgruppe vs. Community: Ein Unterschied, der über Strategie entscheidet
Viele Entscheider verwechseln Zielgruppe mit Community – und wundern sich dann, warum ihre Community-Initiativen nicht funktionieren. Dabei ist der konzeptionelle Unterschied fundamental: Eine Zielgruppe ist eine analytische Konstruktion: eine Menge von Menschen, die bestimmte demografische oder psychografische Merkmale teilt und die man mit Inhalten oder Werbung erreichen will. Die Kommunikation ist einseitig.
Eine Community ist ist eine Gruppe von Menschen, die eine gemeinsame Identität, ein gemeinsames Thema oder einen gemeinsamen Ort teilt – und die miteinander in Beziehung stehen. Die Kommunikation ist mehrdimensional: Mitglieder sprechen mit dem Verlag, aber auch miteinander. Das Medienhaus ist Gastgeber, nicht Sender. Die Verwechslung beider Konzepte führt zu konkreten strategischen Fehlern: Die Investition in Content-Produktion, ohne in Interaktionsformate zu investieren.
Welche Community-Modelle es gibt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit
Es gibt kein universell richtiges Community-Modell. Welches passt, hängt von Ressourcen, Zielgruppe und redaktionellem Profil ab.
Das Mitglieder- oder Leserclubmodell ist die ambitionierteste Form. Leser zahlen eine Mitgliedsgebühr – nicht primär für Inhalte, sondern für Zugehörigkeit.
Newsletter-Communities sind niedrigschwelliger und oft ein interessanter Einstieg. Ein kuratierter Newsletter mit persönlicher Stimme, der Dialog explizit einlädt – durch Antwortmöglichkeiten, Leserfragen oder kurze Abstimmungen – kann innerhalb weniger Monate eine treue Leserschaft aufbauen, die sich als Gemeinschaft versteht. Entscheidend ist der Ton: persönlich, nicht institutionell.
Event-Communities entstehen dort, wo Menschen physisch zusammenkommen. Podiumsgespräche, Lesertreffen, Themenabende – gut gemacht,
schaffen sie emotionale Erinnerungen, die digitale Inhalte selten erzeugen. Lokale Verlage haben hier einen enormen Vorteil: Sie können Veranstaltungen in ihrem Verbreitungsgebiet organisieren, bei denen Menschen sich tatsächlich begegnen.
Digitale Plattform-Communities – moderierte Foren, geschlossene Gruppen, strukturierte Kommentar-
Die Zukunft gehört Medienhäusern, die verstehen: Ein Leser, der sich zugehörig fühlt, kündigt nicht. Ein Mitglied, das mitgestaltet hat, empfiehlt weiter. Und eine Community, die sich trägt, ist das stabilste Fundament, das ein Verlag haben kann. bereiche – sind technisch aufwendiger, bieten aber den tiefsten Grad an Interaktion zwischen Mitgliedern. Sie funktionieren besonders gut rund um spezifische Themen: lokale Politik, Stadtentwicklung, regionale Wirtschaft.
Hybridmodelle kombinieren mehrere Formate. Das ist kein Zeichen von Unentschlossenheit. Eine Lokalzeitung kann mit einem wöchentlichen Newsletter starten, darauf aufbauend monatliche Abendveranstaltungen einführen und mittelfristig eine Mitgliedschaft anbieten, die beide Formate bündelt.
| Merkmal | Zielgruppe | Community |
|---|---|---|
| Beziehungstyp | Verlag → Leser | Verlag → Leser → Leser |
| Kommunikationsrichtung | Einweg | Mehrweg |
| Bindungstiefe | Transaktional | Emotional |
| Identifikation | Gering | Hoch |
| Monetarisierungspotenzial | Werbung, Einzel-Abo | Mitgliedschaft, Events, Kooperationen |
| Kündbarkeit | Hoch | Niedrig |
| Datenzugang | Begrenzt | Direkt |
Was kanalspezifisch beachtet werden muss
Nicht jeder Kanal eignet sich für jedes Community- Ziel. Die häufigste Fehlinvestition: Verlage bauen Social-Media-Präsenzen auf externen Plattformen auf und nehmen in Kauf, dass sie dort nie Eigentümer der Beziehung sind. Ein Fehler ist besonders verbreitet: Verlage behandeln jeden Kanal identisch und bespielen ihn mit denselben Inhalten. Echte Community-Arbeit erfordert kanalgerechte Ansprache.
Auf Plattformen, die einem nicht gehören, kann kein Fundament gebaut werden. Man mietet Aufmerksamkeit.
Der lokale Hero-Vorteil
Heimat ist ein mächtiges Community-Prinzip. Wer in einer Stadt lebt, hat per se ein intrinsisches Interesse am Lokalen. Die Chance: Statt primär Informationslieferanten zu sein, lieber Gemeinschaftsräume gestalten. Die typischen Stolpersteine: zu viel Vorsicht gegenüber Leserpartizipation, Angst vor Kontrollverlust über das Bild der Marke und fehlende interne Zuständigkeit.
Community ist eine Investition in die Zukunft – keine Lösung für die nächste Quartalsplanung.
WAS COMMUNITY UND LOYALTY KOSTEN
Community Building ist nicht günstig.. Der größte Kostenblock: Personal. Community Management ist ein eigenständiges Berufsbild: moderieren, aktivieren, zuhören, kuratieren, organisieren. Das lässt sich nicht als Zusatzaufgabe an eine Redakteurin delegieren. Hinzu kommen Technologiekosten, Veranstaltungsbudgets etc. Auf der Ertragsseite sind die relevanten KPIs nicht die klassischen Verlags-
metriken. Sinnvolle Kennzahlen für Community-Erfolg sind: Mitgliedschaftsquote (Anteil aktiver Community-Mitglieder an der Gesamtleserschaft), Wiederkehrrate, Beteiligungstiefe (Wer antwortet? Wer teilt? Wer kommt zu Events?), Churn-Rate bei Abonnements sowie Net Promoter Score – also die Bereitschaft, die Marke weiterzuempfehlen.
Wann rechnet sich das? Realistische Erwartung: Ein ernsthaftes Community-Programm zeigt erste messbare Effekte nach 9 bis 18 Monaten. Der Break-even hängt stark davon ab, ob Community direkt monetarisiert wird oder indirekt wirkt. Kurzfristige ROI-Kalkulationen führen in die Irre.
Häufige Fehler: zu früh skalieren, Technologie vor Konzept kaufen, Community-Arbeit intern niemandem zuordnen und dann auf niemanden warten.
Community Building beginnt nicht mit einer Plattform. Es beginnt mit einer Haltung.
Community Building ist keine Technologie-, es ist eine Kulturfrage. Viele Redakteure sind ausgebildet, Inhalte zu produzieren – nicht, Gespräche zu moderieren oder Feedback zu integrieren. Das ist kein Versagen, eher eine Frage der Sozialisation. Für Marketing-Teams bedeutet Community Building eine Verschiebung von Kampagnenlogik zu Beziehungslogik.


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