von Tanja Laub
Reichweite vs. Loyalität
Bei vielen Medienhäusern sind Bindung, Dialog und Loyalität von aktuellen Umsatz- und Erlöszielen überschattet. Warum das ein strategischer Fehler ist, erklärt Community-Expertin Tanja Laub im Gespräch mit dem VDL Branchenmagazin. Warum Verlage aufhören sollten, von Abonnenten zu reden und weitere Inspirationen für einen Perspektivwechsel.
Wird Community Building in Unternehmen und Medienhäusern heute strategisch ernst genug genommen?
Leider noch viel zu selten. In vielen Chefetagen wird Community Building immer noch eher als Kann-Thema behandelt – wenn es überhaupt auf der Agenda steht. Hinzu kommt, dass der Begriff „Community“ inzwischen stark verwässert ist. Heute wird fast alles Community genannt: Follower auf Social Media, Kommentarspalten oder lose digitale Reichweiten. Das führt dazu, dass viele Entscheider gar nicht mehr klar trennen, worum es eigentlich geht. Dazu kommt ein zweites Problem: Community-Erfolg lässt sich nicht immer sofort und eindeutig messen. Reichweite, Klicks oder Leads sind in klassischen Reportings schnell sichtbar. Kundenloyalität, Vertrauen oder Zugehörigkeit sind deutlich schwerer zu quantifizieren. Genau deshalb wird Community oft unterschätzt – obwohl gerade dort langfristig enorme Werte entstehen.
Warum tun sich Unternehmen zudem so schwer, in Community zu investieren?
Hinzu kommt, dass viele immer noch immer sehr kurzfristig denken. Wenn Reichweiten sinken, lautet die erste Reaktion oft: mehr Content, mehr Kanäle, mehr Ads. Dahinter steckt die Logik des schnellen Effekts. Community funktioniert aber anders. Hier geht es nicht um maximale Breite, sondern um Relevanz, Austausch und Bindung. Das heißt auch: Wer eine Community aufbaut, nimmt in Kauf, zunächst bewusst weniger Menschen anzusprechen – dafür aber die Richtigen intensiver. Genau das fällt vielen Unternehmen schwer, weil sie jahrzehntelang gelernt haben, Erfolg vor allem über Größe zu definieren. Die eigentliche Zukunftsfrage lautet jedoch nicht mehr: Wie viele Menschen erreiche ich? Sondern: Bei wie vielen bin ich wirklich relevant?
Ihr Appell?
Zukunftsfähigkeit wird nicht mehr allein über Reichweite entschieden. Medien, Marken und Unternehmen brauchen heute drei Dinge: Relevanz, wiederkehrende Bindung und Vertrauen. Commu-
nity ist der Hebel, um genau diese drei Faktoren aufzubauen. Wer Community nur als nettes Add-on betrachtet, unterschätzt ihre strategische Wirkung. Gerade in einer Zeit, in der Orientierung knapper, Aufmerksamkeit flüchtiger und Vertrauen wertvoller wird, ist Community kein Nice-to-have mehr. Communitys sind ein Organisationsprinzip für nachhaltige Loyalität.
Wo liegt denn der zentrale Unterschied zwischen Zielgruppe und Community?
Eine Community braucht zwar eine Zielgruppe, aber sie funktioniert nach anderen Kriterien. In klassischen Marketingmodellen werden Menschen oft über soziodemografische Merkmale beschrieben: Alter, Geschlecht, Wohnort, Einkommen. Für Community Building ist das nur bedingt hilfreich. Entscheidend sind vielmehr gemeinsame Interessen, Haltungen, Werte, Bedürfnisse und Leidenschaften. Eine Community entsteht nicht, weil Menschen derselben Altersgruppe angehören, sondern weil sie etwas verbindet. Wer Community aufbauen will, muss weg von oberflächlichen Personas und hin zu einer anderen Frage: Wofür interessieren sich Menschen wirklich und worüber möchten sie sich mit anderen austauschen?
Welche Rolle spielt Vertrauen in diesem Zusammenhang?
Vertrauen wird in Zukunft die entscheidende Währung. Wir leben in einer Zeit massiver Informationsüberflutung, technologischer Beschleunigung und zunehmender Unsicherheit darüber, welchen Quellen man überhaupt noch glauben kann. Künstliche Intelligenz, Halluzinationen, Deepfakes und synthetische Inhalte verschärfen diese Lage. Gerade deshalb gewinnen Räume an Bedeutung, in denen Menschen mit ihrem Namen, ihrem Wissen und ihrer Haltung für etwas einstehen. Communities schaffen genau solche Räume. Dort zählt nicht nur Information, sondern auch Einordnung, Erfahrung und Glaubwürdigkeit. Wer einmal gelernt hat, dass bestimmte Menschen oder eine bestimmte Marke verlässlich Orientierung geben, baut Vertrauen auf – und dieses Vertrauen ist deutlich belastbarer als reine Reichweite.
Was bedeutet das konkret für Medienhäuser?
Medienhäuser müssen ihr Selbstverständnis verändern. Viele haben ihr analoges Geschäftsmodell nahezu eins zu eins in die digitale Welt übertragen – und damit alte Sender-Empfänger-Logiken fortgeschrieben. Dabei ist das Digitale ein Dialograum. Die technische Möglichkeit zum Austausch ist da, sie wird nur noch nicht konsequent genutzt. Wer heute seine Zielgruppen erreichen will, muss anders denken: weniger reine Inhaltsanbieter, stärker Gastgeber, Moderator und Beziehungsgestalter. Es reicht nicht mehr, Inhalte hinter eine Paywall zu stellen. Es geht darum, Menschen das Gefühl zu geben, dass sie Teil von etwas sind.
Sie würden Verlagen also raten, nicht mehr von Abonnenten zu sprechen?
Unbedingt. Sprache ist nie neutral. Der Begriff „Abonnent“ kommt aus einer transaktionalen Welt. Er beschreibt im Kern einen Bezahlvorgang. Der Begriff „Mitglied“ dagegen signalisiert Zugehörigkeit, Beteiligung und Mehrwert. Das klingt vielleicht zunächst wie eine semantische Feinheit, hat aber strategisch große Wirkung. Wer von Mitgliedschaft spricht, verändert den Denkrahmen: weg vom bloßen Kauf, hin zur Beziehung. Das muss sich dann natürlich auch im Angebot widerspiegeln. Mitgliedschaft darf kein umetikettiertes Abo sein, sondern muss mit erlebbaren Vorteilen, echter Nähe und Austausch verbunden werden.
Was müssten Verlage im Umgang mit ihren Communities konkret ändern?
Vor allem ihre Haltung. Community entsteht nicht, wenn Redaktionen weiterhin aus einer hierarchischen Position heraus kommunizieren und die Leserschaft nur als Empfänger betrachten. Es braucht Kommunikation auf Augenhöhe. Kommentare dürfen nicht als lästige Pflicht gesehen werden, sondern als wertvolle Rückmeldung. Austausch darf nicht an der Kommentarspalte enden. Der eigentliche Wert von Community liegt darin, dass Bedürfnisse, Ideen und Impulse zurück in die Organisation getragen werden. Wenn Mitglieder Themen setzen, Entwicklungen spiegeln oder Kritik artikulieren, entsteht daraus Wissen. Dieses
Wissen muss ernst genommen, intern verarbeitet und sichtbar zurückgespielt werden. Erst dann wird Community vom Kommunikationsinstrument zum Innovationsmotor.
Brauchen Medienhäuser dafür eigene Community- Strukturen?
Im Idealfall ja. Wenn ich es mir wünschen dürfte, gäbe es beides: eine Community-Abteilung mit strategischer Verantwortung und gleichzeitig Redaktionen, die Community-Kompetenz als Teil ihrer täglichen Arbeit verstehen. In der Praxis hängt die richtige Struktur natürlich von der Größe und Organisation des Hauses ab. Klar ist aber: Community darf nicht nebenbei mitlaufen. Wer Bindung und Loyalität ernst nimmt, braucht dafür Verantwortlichkeiten, Prozesse und Kompetenzen. Sonst bleibt das Thema zwischen Redaktion, Marketing und Produktentwicklung hängen.
In vielen Medienhäusern gibt es unter anderem Leserreporter und lokale Mitmachformate. Wird dieses Potenzial ausreichend genutzt?
Nein. Gerade dort liegt enormes, aber ungenutztes Potenzial. Viele Häuser haben bereits Menschen, die sich beteiligen wollen, Inhalte liefern, Themen anstoßen oder aus ihrer Perspektive berichten. Doch diese Personen werden häufig nicht wirklich miteinander vernetzt und nicht als Community-Botschafter entwickelt. Dabei wären genau das der ideale Startpunkt. Wer solche engagierten Nutzer gezielt einbindet, wertschätzt und miteinander in Austausch bringt, schafft die Grundlage für nachhaltige Community-Strukturen. Das sind gewissermaßen die Low Hanging Fruits. Nur werden sie oft noch nicht systematisch geerntet.
Reichen klassische Vorteils- oder Loyalty-Programme dafür aus?
Nicht wirklich. Rabatte, Prämien oder kleine Vorteile funktionieren punktuell, aber sie erzeugen keine tiefe Bindung. Das sind extrinsische Anreize. Sie wirken nur so lange, wie der materielle Vorteil attraktiv bleibt. Sobald jemand anders dasselbe günstiger oder bequemer anbietet, ist die Bindung weg. Community funktioniert tiefer. Menschen
kommen vielleicht wegen eines Themas, aber sie bleiben wegen der Beziehungen, der Wertschätzung und des Gefühls, Teil eines relevanten Zusammenhangs zu sein. Deshalb braucht es Angebote, die nicht einfach zu kopieren sind: exklusive Erfahrungen, echte Nähe, besondere Zugänge.
Was sind solche besonderen Zugänge?
Entscheidend sind Erlebnisse, die man nicht kaufen kann. Also nicht noch ein Vorteilsgutschein, sondern echte Einblicke, eine Nähe zur Marke oder ein Zugang, den es ausschließlich für Mitglieder gibt. Solche Formate schaffen emotionale Bindung. Das kann ein Treffen mit Redaktionen sein, ein Blick hinter die Kulissen, ein exklusiver Austausch mit Expertinnen und Experten oder ein direkter Zugang zu Themen und Menschen, die sonst nicht erreichbar wären. Die entscheidende Frage lautet immer: Warum sollte jemand Teil dieser Community werden und was bekommt er oder sie dort, was sie anderswo nicht bekommen?
Viele Unternehmen investieren zuerst in Plattformen. Ist das der richtige Ansatz?
Technik ist wichtig, aber sie ist nicht der entscheidende Hebel. Eine gute Plattform allein baut noch keine Community. Im Gegenteil: Häufig fließt der Großteil des Budgets in Technik, obwohl das eigentliche Gelingen viel stärker von Konzept, Moderation und Community-Kompetenz abhängt. Man könnte auch sagen: Eine starke Community- Managerin kann auf einer mittelmäßigen Plattform viel bewirken. Eine ungeeignete Person schafft selbst mit einem perfekten System kaum Mehrwert. Technik ohne Haltung und Kompetenz sind am Ende nur Infrastruktur.


Bildunterschriften
Tanja Laub: Community: Menschen befähigen. Potenziale entfalten. Transformation gestalten. Vom Publikum zur erfolgreichen Community Taschenbuch, 600 Seiten ISBN: 9783982569666