von Lars Reckermann, ZGO
Einfach mal den Spieß umgedreht
Mit „Lars on Tour“ hat die Zeitungsgruppe Ostfriesland den Lokaljournalismus zu Leserinnen und Lesern gebracht.
Rollende Redaktionen sind nichts Neues: Ein vom Verlag gebrandtes Fahrzeug steht ein paar Stunden auf dem Marktplatz. Es gibt Kaffee, Kugelschreiber, ein paar Gespräche, ein Foto – dann fährt man wieder ab. Uns von der Zeitungsgruppe Ostfriesland, zu der die Ostfriesen-Zeitung gehört, war das zu wenig. Wir wollten „Hardcore-Lokaljournalismus“: Nicht „Kommt zu uns“, sondern kompromisslos „Wir kommen zu euch“ – morgens bis abends, Türschwelle statt Marktplatz, Alltag statt Event. 24 Stunden und sieben Tage lang.
Deshalb wurde das Wohnmobil (gesponsert) nicht zum PR- Standort, sondern zur logistischen Grundlage für eine Woche radikaler Vor-Ort-Arbeit im Rheiderland. Ich bin zu Leserinnen und Lesern gefahren, habe mich in ihre Orte, Routinen und
Themen hineinbewegt. Mit der Konsequenz, dass der Journalismus sich an ihren Tagesabläufen ausrichten musste, nicht umgekehrt. Übernachtet wurde auf dem Campingplatz in Bingum. Nicht als romantisches Roadtrip-Motiv (nee, stimmt nicht ganz, zuweilen wurde es doch als Motiv genutzt), sondern als Basis, um am nächsten Morgen wieder früh unterwegs sein zu können. An Bord war auch mobiles WLAN.
Der kreative Kern von „Lars on Tour“ im Rheiderland lag damit weniger im Fahrzeug als in der Umkehr der klassischen Zugänglichkeit: Niedrigschwelligkeit durch Nähe, nicht durch einen zentralen Treffpunkt. Begegnungen entstanden in Küchen, Ställen, Vereinsheimen, auf Parkplätzen und Wegen zwischen Terminen. Dort, wo Menschen sich sicher fühlen und nicht das Gefühl haben, „in die Redaktion“ zu müssen. Das nahm Tempo raus, aber es erhöhte Tiefe: Statt kurzer Marktplatz- Smalltalks wurden Gespräche möglich, die den lokalen Alltag wirklich erklären. Ich denke an den Frauenkreis, den Austausch mit 150 Schülerinnen und Schülern, den Landwirt und das Kneipenquiz.
Der Liveblog war dabei nicht nur Verbreitungskanal, sondern das redaktionelle Rückgrat. Wir wollten zeigen, wie Lokaljournalismus entsteht. Das Ganze möglichst in Echtzeit, aber mit Umwegen, Überraschungen und Stimmungsbildern.
Inhaltlich habe ich bewusst mit verschiedenen Erzähltexturen gearbeitet. Es gab schnelle Updates für Dynamik, längere Passagen für Einordnung, Fotos für Atmosphäre und Videos für Nähe. Mein Output war, wie ich finde, entsprechend hoch: Rund 4000 erreichte Menschen, 89 Nachrichten, 155 Bilder und neun Videos. Die Leser waren mehr im Schnitt als sechs Minuten auf dem Liveblog (Retention: 6 Minuten 15 Sekunden). 60 Probeabos kamen auch dabei heraus. Über die Haltbarkeit kann ich aber noch nichts sagen. Kosten: Wir hatten nur den Wohnmobilverleiher als Sponsor. Mit Essen (unter anderem Ravioli), Trinken, Tanken und Campingplatz kostete uns die Woche etwa 500 Euro.
Fazit: Eine Woche lang habe ich den Spieß umgedreht: Nicht mehr „die Leute kommen zur Redaktion“, sondern die Redaktion kommt zu ihnen,
konsequent mobil und konsequent vor Ort. Jemand fragte mich nach der Tour, wie die Woche Urlaub war. Da wäre mir fast zum ersten Mal die Hand ausgerutscht.
Den Liveblog haben wir vor die Paywall gepackt, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Nachzulesen ist er hier.
Lars Reckermann, Chefredakteur ZGO Zeitungsgruppe Ostfriesland GmbH www.zgo.de
• Durch das Format „Lars on Tour“ wird durch konsequente Vor-Ort-Präsenz und persönliche Begegnungen im Alltag der Menschen maximale Nähe geschaffen – und so eine loyale Community rund um authentischen, erlebbaren Lokaljournalismus aufgebaut • Das Community Building wird durch die Umkehr klassischer Zugänglichkeit hin zu direktem Austausch vor Ort sowie durch einen multimedialen Liveblog gestärkt – und der Verlag als nahbarer, transparenter Begleiter des regionalen Lebens positioniert • Es werden neue Kontaktpunkte und Reichweiten durch offene Inhalte, Echtzeit-Berichterstattung und niedrigschwellige Zugänge erschlossen – und gleichzeitig die Loyalty gesteigert, indem der Verlag als relevanter Teil der Lebenswelt und als Stimme der Menschen vor Ort wahrgenommen wird


